Eine Fremdsprache zu lernen, verändert das Gehirn

Eine Fremdsprache zu lernen, verändert das Gehirn

„Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.“ Dieses deutsche Sprichwort ist so nicht ganz richtig. Denn Neues zu lernen, ist keine Frage des Alters. Allerdings lernt Hans anders dazu als Hänschen. Mit zunehmendem Alter kann es anstrengender sein und länger dauern, sich neue Inhalte einzuprägen, als in jungen Jahren. Außerdem spielt eine Rolle, was gelernt wird.

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Eine Fremdsprache zu lernen, verändert das Gehirn

Wissenschaftler haben in einer aktuellen Studie untersucht, wie sich das Gehirn von Erwachsenen verändert, wenn sie eine Fremdsprache erlernen. Demnach entstehen in und zwischen den Bereichen des Gehirns, die Sprache normalerweise verarbeiten, neue Nervenverbindungen.

Aber auch Areale in der rechten Hirnhälfte, die eigentlich nicht für die Sprache zuständig sind, unterstützen das Lernen einer neuen, fremden Sprache. Aus neurologischer Sicht unterscheidet sich damit das Lernen einer Fremdsprache vom Erlernen der Muttersprache.

Eine Fremdsprache zu lernen, verändert das Gehirn

Während wir vom Säugling zum Kind und danach zum Jugendlichen heranwachsen, verändert sich unser Gehirn stetig. Auch später, im fortgeschrittenen Erwachsenenalter, passt sich das Gehirn fortlaufend an neue geistige Herausforderungen an.

Frühere Studien haben gezeigt, dass sich neue Nervenverbindungen aufbauen, wenn wir im Kindesalter unsere Muttersprache oder eine Zweitsprache lernen. Die Wissenschaft weiß, dass Kinder mit Blick auf ihre Entwicklung davon profitieren, wenn sie zum Beispiel zweisprachig aufwachsen.

Aber wie anpassungsfähig ist das Gehirn, wenn wir uns als Erwachsene eine neue Fremdsprache aneignen?

Zu dieser Frage gibt es zwar mehrere Modelle, bisher aber so gut wie keine direkten Untersuchungen. Ein Team von Kognitions- und Neurowissenschaftlern vom Max-Planck-Institut in Leipzig hat sich nun eingehend mit dem Thema beschäftigt.

Dazu organisierten die Forscher einen Deutschkurs für 51 arabische Muttersprachler, die aus Syrien geflohen waren. Beim Sprachkurs handelte es sich um einen Intensivkurs, der sechs Monate dauerte.

Die Testpersonen hatten keinerlei Vorkenntnisse in der deutschen Sprache und beherrschten auch keine andere Fremdsprache. Das Ziel des Kurses war, Deutschkenntnisse auf dem Sprachniveau B1 zu erreichen.

Am Anfang, nach der Hälfte und am Ende des Sprachkurses scannten die Wissenschaftler die Gehirne der Studienteilnehmer mittels hochauflösender Magnetresonanztomografie, kurz MRT. Bei der Auswertung der drei Aufnahmen achteten die Wissenschaftler insbesondere darauf, wie sich die einzelnen Gehirnareale beim Erlernen der Fremdsprache miteinander verknüpften.

Diese Veränderungen glichen sie mit dem individuellen Lernfortschritt des jeweiligen Testteilnehmers ab. Die Lernfortschritte wurden durch Standard-Sprachtests des Goethe-Instituts ermittelt.

Als Ergebnis zeigte sich, dass sich innerhalb der Bereiche des sogenannten Sprachnetzwerks in der linken Gehirnhälfte die Nervenverbindungen durch das Lernen der neuen Sprache verstärkten.

Außerdem zeigten die Aufnahmen aus dem MRT, dass zusätzliche Areale in der rechten Gehirnhälfte aktiv waren, während die Studienteilnehmer Deutsch lernen. Auch in diesen Hirnregionen bildeten sich neue Nervenverbindungen.

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Die Forscher stellten fest, dass mit dem Lernfortschritt die Verknüpfungen zwischen den Spracharealen in beiden Gehirnhälften zunahmen.

Vor allem in der zweiten Hälfte des Sprachkurses wurden die Teilnetze, die für den Wortschatz und die Sprachlaute zuständig sind, in beiden Hirnhälften gestärkt. Das Erlernen einer Fremdsprache verändert also die neuronalen Verbindungen zwischen den Gehirnregionen, die benötigt werden, um das Sprachverständnis und die Aussprache verarbeiten zu können.

Damit passt sich das Gehirn an die neuen kognitiven Anforderungen an. Die Lernenden sind dadurch in der Lage, in der neu erlernten Sprache zu denken und zu kommunizieren.

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Die linke Hirnhälfte bezieht die rechte Hirnhälfte mit ein

Wie die Aufnahmen aus dem MRT zeigten, nahmen interessanterweise die funktionalen Verbindungen zwischen den beiden Gehirnhälften während des Erlernens der Fremdsprache ab.

Die Forscher gehen deshalb davon aus, dass die für die Sprache dominante linke Hirnhälfte die rechte Hirnhälfte beim Erlernen einer Zweitsprache nicht so sehr hemmt wie beim Erlernen der Muttersprache.

Auf diese Weise werden für das Aneignen der neuen Sprache vermutlich zusätzliche Ressourcen in der rechten Hälfte des Gehirns frei. Damit zeigt sich, wie bedeutsam die neuroplastischen Anpassungen des Netzwerks sind, um die neu erlernte Sprache zu verarbeiten.

Gleichzeitig bewirkt das Erlernen einer Fremdsprache, dass Regionen in der rechten Hirnhälfte genutzt werden, die vorher an der Verarbeitung von Sprache nicht beteiligt waren.

Aus wissenschaftlicher Sicht hilft die Studie dabei, besser zu verstehen, wie Erst- und Zweitsprachen gelernt und im Gehirn verarbeitet werden.

Für die Testteilnehmer aus Syrien hingegen hat der intensive Sprachkurs einen wichtigen Beitrag dazu geleistet, dass sie die deutsche Sprache lernen, in Deutschland besser Fuß fassen und in ihrer neuen Heimat einfacher als Teil der Gesellschaft ankommen konnten. Insofern hatte die Studie also gleich einen doppelten und zudem ganz praktischen Nutzen.

(Quelle: Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften, doi: 10 1073/pnas.2306286121)

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Marlies Giesa, Geboren 1968 , über viele Jahre im In- und Ausland Deutsch unterrichtet. Ich liebe die deutsche Sprache und möchte das Wissen gerne an Schüler, Ausländer, Studenten und Interessierten weitergeben. Ich hoffe meine Übungen und Anleitungen werden ihnen helfen oder sie unterstützen. Canel Gülcan, Studentin Lehramt Deutsch & Germanistik, Christian Gülcan als Betreiber der Webseite, verfasst auch diverse Artikel, da er als Online-Redakteur täglich mit der Erstellung von hilfreichen Content arbeitet für verschiedene Zielgruppen und lange Zeit auch aktiv in der Flüchtlingshilfe, sich um die Vermittlung von Deutschkursen kümmerte.

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