Wie kommt Kindern frühe Mehrsprachigkeit zugute? 1. Teil

Wie kommt Kindern frühe Mehrsprachigkeit zugute? 1. Teil

Ob Englisch, Türkisch, Italienisch, Arabisch oder Russisch usw.: Einige Kinder lernen zusätzlich zur Muttersprache in ihrer Familie von Anfang an eine Zweitsprache, zum Beispiel weil ihre Eltern aus verschiedenen Ländern kommen. Auch Kinder, die neben Hochdeutsch mit einem Dialekt aufwachsen, gelten als mehrsprachig. Doch kommt Kindern eine frühe Mehrsprachigkeit zugute? Wie können sie davon profitieren? Gibt es auch Nachteile, wenn jemand mit zwei Sprachen aufwächst?

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Wie kommt Kindern frühe Mehrsprachigkeit zugute 1. Teil

Solchen Fragen gehen wir in einem zweiteiligen Beitrag nach!:

Mehrsprachigkeit und Sprachvarietät

Individuelle Mehrsprachigkeit bedeutet, dass eine Person mehr als eine Sprache oder Sprachvarietät fließend beherrscht. Ein Mehrsprachler versteht und spricht also zum Beispiel Deutsch fließend, kann sich aber auch in einer Fremdsprache unterhalten.

Zur Sprachvarietät werden unter anderem Dialekte gezählt. Spricht jemand zum Beispiel Hochdeutsch und Bayerisch, wird das ebenfalls als Mehrsprachigkeit bezeichnet.

In Deutschland haben alle Schüler in der Schule Englischunterricht. Zusätzlich dazu lernen sie meist noch mindestens eine weitere Fremdsprache. Neben der Mehrsprachigkeit, die Kinder in der Schule erwerben, lernen einige von ihnen aber schon vor der Schulzeit zwei oder mehr Sprachen oder Dialekte.

Diese lernen die Kinder von Geburt an in der Familie, weil zum Beispiel ein Elternteil, die Großeltern oder andere Verwandte überwiegend in der jeweiligen Sprache oder Sprachvarietät kommunizieren.

Kinder, die schon im Kindergarten eine Zweitsprache beherrschen, werden im Fachjargon simultan bilinguale Kinder genannt.

Mehr Fremdsprachen, weniger Dialekte

Angaben der Bundeszentrale für politische Bildung zufolge wächst ungefähr ein Drittel aller Grundschüler in Deutschland mit einer Fremdsprache in der Familie auf, Tendenz steigend. Oft haben diese Kinder Eltern, die nach Deutschland geflüchtet oder zugewandert sind.

In Regionen mit hoher Zuwanderung, wie zum Beispiel in Großstädten, sind dadurch neben Deutsch bis zu hundert verschiedene Zweitsprachen verbreitet. Zu den Sprachen, die die Kinder besonders häufig sprechen, gehören Türkisch, Arabisch, Polnisch, Russisch, Italienisch und Englisch.

Während die Zweitsprache in erster Linie zu Hause verwendet wird, sprechen die Kinder in der Schule und im Freundeskreis Deutsch.

Im Unterschied zu Fremdsprachen sind Dialekte als mündliche Abwandlungen der Hochsprache seltener. In den vergangenen drei Jahrzehnten sind sie um rund 15 Prozent zurückgegangen.

Ein Grund dafür ist der Einfluss der Medien, in denen überwiegend Hochdeutsch verwendet wird. Auch die zunehmende Mobilität hat zur Folge, dass Hochdeutsch die regional verbreiteten Sprachvarianten immer stärker ablöst.

Einige Regionalsprachen wie zum Beispiel Kölsch oder Plattdeutsch sind inzwischen sogar vom Aussterben bedroht.

Frühes Gehirntraining

Eine frühe Mehrsprachigkeit kann Vorteile haben. Das gilt unabhängig davon, ob ein Kind als Muttersprache Deutsch und eine zweite Fremdsprache oder einen Dialekt spricht. In ihren ersten Lebensjahren befinden sich Kinder auf dem Höhepunkt ihrer sprachlichen Entwicklung.

Deshalb lernen sie Sprachen schneller als ältere Personen. Im Unterschied zu Erwachsenen fällt es Kindern außerdem leichter, sich den Akzent, die Aussprache und die Grammatik von zwei verschiedenen Sprachen auf muttersprachlichem Niveau anzueignen.

Dazu kommt, dass Kinder dann auch je nach Situation und Umfeld schon früh zwischen den Sprachen wechseln können. Dieses sogenannte Codeswitching erfordert geistige Ressourcen und Konzentration. Denn im Gedächtnis werden die beiden Sprachen jeweils in eigenen Netzwerken abgespeichert.

Wächst ein Kind zum Beispiel mit Deutsch und Syrisch auf und wird es auf Syrisch angesprochen, ruft das Gehirn die Sätze im Hintergrund auch auf Deutsch ab. Die deutsche Variante wird unbewusst aber wieder unterdrückt und das Kind antwortet auf Syrisch.

Das Steuerungszentrum im Gehirn, das letztlich darüber entscheidet, welche Wörter in der jeweiligen Situation benutzt werden sollen, ist bei mehrsprachigen Kindern deshalb sehr gut ausgeprägt.

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In der Folge haben die Kinder oft eine verbesserte Aufmerksamkeit und können die Sprachen samt deren Bedeutung leichter verarbeiten. Auch im Alltag hilft das Netzwerk im Gehirn dabei, viele Informationen gleichzeitig zu erfassen.

Mehrsprachige Kinder können sich dadurch zum Beispiel auf ihre deutschen Hausaufgaben konzentrieren, obwohl sich ihre Eltern gerade auf Türkisch unterhalten.

Auch in einem Raum mit vielen Geräuschen können die Kinder besser zwischen dem Klang menschlicher Sprache und anderen Nebengeräuschen unterscheiden.

Wie kommt Kindern frühe Mehrsprachigkeit zugute 1. Teil (1)

Dauerhaft geförderte Gedächtnisleistung

Wenn Kinder das Codeswitching sehr früh lernen, sinkt vermutlich auch das Risiko, Sprachstörungen zu entwickeln. Zu solchen Störungen gehört unter anderem die Lese-Rechtschreibschwäche, bei der es Betroffenen schwerfällt, Wörter zu lesen und richtig zu schreiben.

Zu dieser Erkenntnis kam zum Beispiel eine Studie der Universität Oldenburg. Für die Studie untersuchten die Wissenschaftler Aufsätze von Dialekt sprechenden und hochdeutsch sprechenden Schülern.

Interessanterweise hatten die Schüler, die Hochdeutsch sprechen, größere Probleme damit, die mündliche Sprache in schriftlicher Form festzuhalten. In den Aufsätzen der Kinder, die Mundart sprechen, fanden sich insgesamt rund 30 Prozent weniger Rechtschreibfehler.

Der Wechsel zwischen Sprachen soll die Gedächtnisleistung nicht nur während der Sprachentwicklung fördern, sondern dauerhaft verbessern.

Denn das Umdenken zwischen verschiedenen Sprachen kann die kognitiven Fähigkeiten bis ins hohe Alter hinein stärken. Die Wissenschaft vermutet, dass ein Gehirntraining in dieser Form sogar bewirken kann, dass Alzheimer verzögert auftritt.

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Marlies Giesa, Geboren 1968 , über viele Jahre im In- und Ausland Deutsch unterrichtet. Ich liebe die deutsche Sprache und möchte das Wissen gerne an Schüler, Ausländer, Studenten und Interessierten weitergeben. Ich hoffe meine Übungen und Anleitungen werden ihnen helfen oder sie unterstützen. Canel Gülcan, Studentin Lehramt Deutsch & Germanistik, Christian Gülcan als Betreiber der Webseite, verfasst auch diverse Artikel, da er als Online-Redakteur täglich mit der Erstellung von hilfreichen Content arbeitet für verschiedene Zielgruppen und lange Zeit auch aktiv in der Flüchtlingshilfe, sich um die Vermittlung von Deutschkursen kümmerte.

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