Wie hoch ist der Sprachförderbedarf bei Migranten?

Wie hoch ist der Sprachförderbedarf bei Migranten? 

Ob Behördengänge, Wohnungssuche, Schule, Arbeit oder Freizeitaktivitäten: Ohne Kenntnisse der Landessprache ist es kaum möglich, in einem Land wirklich Fuß zu fassen. Wenn die Sprachbarrieren zu groß sind und die Verständigung nicht funktioniert, klappt auch die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben nicht.

Die Sprache gilt deshalb als einer der wichtigsten Schlüssel zur Integration. Und das ist auch der Grund, warum in der Integrationsdebatte regelmäßig gefordert wird, dass die Deutschkenntnisse von Migranten und deren Nachkommen besser werden müssen. Allerdings lässt sich die Frage, wie hoch der Sprachförderbedarf wirklich ist, nur bedingt beantworten.

Denn es gibt kaum Datenerhebungen und durchgeführte Studien kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen. In der Folge stützen sich Diskussionen und Debatten nicht unbedingt auf Daten und Fakten, sondern oft eher auf Annahmen und Vermutungen.

 

Wie steht es um die Deutschkenntnisse von Migranten?

Eine verbindliche Aussage dazu, wie gut Migranten Deutsch sprechen, lässt sich nicht treffen. Wirklich belastbare Daten zu den Deutschkenntnissen von erwachsenen Migranten existieren nicht. Es wurden zwar ein paar Untersuchungen durchgeführt. Hier bilden aber Selbsteinschätzungen die Grundlage.

Trotzdem kann beispielsweise die IAB-SOEP-Migrationsstichprobe Anhaltspunkte liefern. Für die Analyse hat das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung 5.000 Menschen befragt, die nach 1995 nach Deutschland gekommen sind oder bei denen der Eintritt in den Arbeitsmarkt als Nachkommen von Migranten erfolgte. Rund drei Viertel der befragten Personen waren nicht in Deutschland geboren. Die Umfrage zeigte, dass sich die sprachlichen Kompetenzen nach der Einwanderung deutlich erhöhen:

·         Nur 12 Prozent der Befragten gaben an, dass ihre Deutschkenntnisse gut oder sehr gut waren, als sie nach Deutschland gekommen sind. Im Unterschied dazu schätzten 58 Prozent der Teilnehmer ihre Sprachkompetenzen zum Zeitpunkt der Befragung im Jahr 2013 als gut oder sehr gut ein.

·         Nach einem Aufenthalt von zwei Jahren in Deutschland bewerteten 41 Prozent der Befragten ihre Deutschkenntnisse als gut oder sehr gut. Bei denjenigen, die elf Jahre und länger in Deutschland leben, erhöhte sich dieser Wert auf 63 Prozent.

·         Rund zwei Drittel der Befragten erklärten, dass sie aktiv Deutsch gelernt haben. Knapp die Hälfte davon hat Deutschkurse in Deutschland besucht, rund elf Prozent haben noch in ihrem Heimatland Deutschkurse belegt.

 

Wie viele Migranten besuchen die sogenannten Integrationskurse?

Im Zuge der Reform des Zuwanderungsrechts im Jahr 2005 wurden die sogenannten Integrationskurse ins Leben gerufen. Sie umfassen einen Orientierungskurs und einen Sprachkurs. Der Orientierungskurs hat einen Umfang von 100 Unterrichtsstunden. Der Sprachkurs erstreckt sich, je nach Bedarf, über 600 bis 900 Unterrichtsstunden. Das Ziel des Sprachkurses besteht darin, den Teilnehmern ausreichende deutsche Sprachkenntnisse zu vermitteln, was dem Niveau B 1 des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens für Sprachen entspricht.

Das Aufenthaltsgesetz regelt in den Paragraphen 44 und 44a, wer zu einer Teilnahme an einem Integrationskurs berechtigt und wer dazu verpflichtet ist. Demnach müssen Ausländer ohne Deutschkenntnisse, anerkannte Flüchtlinge und Asylberechtigte, die bestimmte Leistungen erhalten, einen solchen Kurs besuchen.

Seit Oktober 2015 dürfen auch Asylbewerber mit einer guten Bleibeperspektive an einem Integrationskurs teilnehmen. EU-Bürger und Bürger mit deutschem Pass haben keinen Anspruch auf die Teilnahme an einem Integrationskurs. Allerdings können sie den Besuch auf freiwilliger Basis beantragen.

Was die Teilnehmerzahlen angeht, liefert das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge folgende Zahlen:

·         2016 wurden die Integrationskurse von rund 317.000 Teilnehmern besucht.

·         2015 gab es rund 179.000 Teilnehmer.

Etwa 57 Prozent dieser Teilnehmer besuchten die Kurse freiwillig, also ohne dass sie die Ausländerbehörde oder das Jobcenter dazu verpflichtet hätte. Die größten Teilnehmergruppen bildeten Migranten aus Syrien (19,2 Prozent), Polen (8,8 Prozent), Rumänien (8,6 Prozent), Bulgarien (6,6 Prozent), Italien (4,4 Prozent) und aus der Türkei (4 Prozent). Und insgesamt waren fast die Hälfte aller Kursteilnehmer EU-Bürger und Altzuwanderer. Altzuwanderer sind Migranten, die schon vor dem 31.12.2004 nach Deutschland gekommen sind. Zu einer Kursteilnahme berechtigt gewesen wären 284.000 Migranten.

Von den 179.000 Kursteilnehmern im Jahr 2015 haben rund 114.000 Teilnehmer den Kurs mit einem Deutschtest abgeschlossen. Rund 60 Prozent von ihnen ereichten das Sprachniveau B1. Bei etwa einem Drittel blieben die Sprachkompetenzen auf dem Niveau A2, was hinreichenden Deutschkenntnissen entspricht. Und nur etwa 8 Prozent schnitten schlechter ab.

Alles in allem finden die Integrationskurse also durchaus Zuspruch. Aus diesem Grund wurden die Kapazitäten auch erhöht. So wurden im Jahr 2016 450 neue Kursträger zugelassen und etwa 13.000 neue Lehrkräfte kamen dazu.

 

Welche Sprache sprechen Migranten zu Hause mit ihren Kindern?

Wenn es um Kinder mit Migrationshintergrund geht, kommen zwei Problematiken ins Spiel. So gibt es zum einen die Grundsatzdebatte um die Zweisprachigkeit. Befürworter sehen einen Vorteil darin, wenn Kinder zwei- oder mehrsprachig aufwachsen. Ihre kognitiven Fähigkeiten würden dadurch verbessert. Zudem würde es ein Kind keineswegs überfordern, zwischen zwei Sprachen hin- und herzuwechseln.

Kritiker hingegen sprechen sich dafür aus, dass Einwandererkinder, die in Deutschland leben und aufwachsen, erst einmal die deutsche Sprache lernen sollen. Die zweite Problematik ist, dass die Herkunftssprachen von Einwanderern gesellschaftlich und politisch weniger gefördert werden. Klassische Fremdsprachen wie Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch oder Latein sind positiv besetzt und gelten als zusätzliche Qualifikation. Im Unterschied dazu werden typische Herkunftssprachen wie Arabisch, Türkisch, Rumänisch oder Russisch eher selten als zusätzliche Qualifikation anerkannt und gewürdigt.

In Diskussionen wird regelmäßig argumentiert, dass bei Einwandererfamilien zu Hause nicht Deutsch gesprochen werde. Stattdessen würden die Eltern mit ihren Kindern in ihrer Herkunftssprache kommunizieren und das vor allem deshalb, weil das den Eltern leichter falle. Mit Blick auf die Integration und die Sprachkenntnisse der Eltern sei das aber der falsche Weg. Doch wie sieht es wirklich aus? Zu dieser Frage gibt es mehrere Untersuchungen:

·         Die Kinder- und Jugendhilfestatistik 2012 hat festgestellt, dass in der Gruppe der drei bis sechs Jahre alten Kinder mit Migrationshintergrund tatsächlich knapp 61 Prozent zu Hause vorrangig nicht Deutsch sprechen.

·         Der Kinder-Migrationsreport des Deutschen Jugendinstituts aus dem Jahre 2013 kommt zu dem Ergebnis, dass rund drei Viertel der Schulkinder im Alter zwischen sechs und acht Jahren sowohl mit ihren Geschwistern als auch mit ihren Eltern Deutsch sprechen.

·         Die Grundschulvergleichsstudie IGLU, veröffentlicht im Dezember 2012, kommt zu einem ähnlichen Ergebnis. Demnach gaben gerade einmal 0,8 Prozent der Viertklässler mit Migrationshintergrund an, dass bei ihnen zu Hause nie Deutsch gesprochen wird. 19 Prozent der Schüler erklärten, dass in der Familie manchmal Deutsch gesprochen wird. Und knapp 80 Prozent aller Befragten sagten, dass sie zu Hause immer oder fast immer Deutsch sprechen.

·         Auch die PISA-Studie 2012 ergab, dass 72 Prozent der 15-jährigen Schüler aus Einwandererfamilien zu Hause Deutsch sprechen.  

 

Fazit

Wie hoch der Sprachförderbedarf bei Migranten und deren Nachkommen ist, lässt sich pauschal schlecht beurteilen. Denn es fehlen einheitliche Daten, die belastbar und miteinander vergleichbar sind. Die Problematik beginnt aber schon damit, dass Begrifflichkeiten wie Migrationshintergrund unterschiedlich definiert werden. Bundesweit einheitliche Tests, die den Sprachstand und den Förderbedarf ermitteln, gibt es ebenfalls nicht. Bei Vorschulkindern beispielsweise wird in den Bundesländern mit 17 unterschiedlichen Testverfahren gearbeitet.

Alles in allem wird in Integrationsdebatten aber oft ein düstereres Bild gezeichnet, als es die Realität hergibt. Die gut besuchten Integrationskurse belegen, dass Migranten sehr wohl darum bemüht sind, die deutsche Sprache zu lernen. Die Kinder lernen im Kindergarten und in der Schule Deutsch. Es steht außer Frage, dass die sprachlichen Kompetenzen gefördert werden müssen. Gute Deutschkenntnisse in Wort und Schrift sind jedoch für alle gleichermaßen wichtig, unabhängig von einem Migrationshintergrund.

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