Die Wurzeln der deutschen Sprache – ein Überblick, Teil 1

Die Wurzeln der deutschen Sprache – ein Überblick, Teil 1

Wer Deutsch lernt, befasst sich in erster Linie mit dem Wortschatz und der Grammatik. Er übt Vokabeln, konjugiert und dekliniert, lernt die Regeln zum Satzbau und versucht, erste Gespräche zu führen. Wo die Sprache ihren Ursprung hat und wie sie sich im Laufe der Zeit entwickelte, interessiert viele hingegen bestenfalls am Rande. Dabei kann es sehr hilfreich sein, auch die Geschichte einer Fremdsprache zu kennen. Denn dadurch wird es leichter, die Grammatik nachzuvollziehen und auch die verschiedenen Dialekte einzuordnen.

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Die Wurzeln der deutschen Sprache - ein Überblick, Teil 1

Nun könnte man die Geschichte natürlich kurz zusammenfassen und einfach sagen, dass Deutsch eine germanische Sprache ist. Das wäre zwar nicht falsch, würde aber ein paar wichtige Aspekte außen vor lassen.

Wir erzählen deshalb in einem zweiteiligen Überblick über die Wurzeln der deutschen Sprache!:

Der Ursprung der germanischen Sprachen

Die germanischen Sprachen, zu denen Deutsch gehört, sind Teil der indogermanischen oder indoeuropäischen Sprachfamilie. Die meisten Sprachen, die heute in Europa gesprochen werden, zählen zu dieser Sprachfamilie. Doch auch außerhalb Europas finden sich Vertreter. So werden zum Beispiel Persisch, Hindi und einige romanische Sprachen, die inzwischen ausgestorben sind, ebenfalls zur Sprachfamilie gezählt.

Der gemeinsame Ursprung ist ein Grund dafür, warum sich Wörter aus ganz unterschiedlichen Sprachen manchmal sehr ähneln. Was beispielsweise im Deutschen die Mutter ist, heißt auf Französisch mère, auf Englisch mother und auf Persisch madar.

Die Sprachwissenschaftler sind sich weitgehend einig darüber, dass alle Sprachen der Sprachfamilie auf die sogenannte indogermanische Ursprache zurückgehen. Dabei handelt es sich um einen Dialekt, den es schon lange vor der Schriftsprache gab und der mittlerweile ausgestorben ist.

Uneinig ist sich die Sprachwissenschaft aber darüber, wo die geografischen Wurzeln des Dialektes liegen. Einige Wissenschaftler vermuten, dass die indogermanische Ursprache im Südosten von Europa, in der Gegend an der unteren Donau entstanden ist und sich von dort aus verbreitet hat.

Andere Wissenschaftler vertreten die Meinung, dass der Ursprung in Anatolien, in der Region zwischen dem Osten der Türkei und Aserbaidschan lag.

Schriftliche Aufzeichnungen gibt es aber nicht. Deshalb lässt sich nicht mit Gewissheit sagen, welche Vermutung stimmt. Allerdings konnten die Wissenschaftler den Wortschatz der Ursprache zum Teil entschlüsseln. Und weil die Vokabeln hauptsächlich die Flora und Fauna im Südkaukasus beschreiben, scheint das eher für die zweite Theorie zu sprechen.

Fest steht jedenfalls, dass es die indogermanische Ursprache gab. Ein indogermanisches Volk existierte hingegen nicht. Die Sprache hat sich vielmehr dadurch ausgebreitet, dass die Menschen damals Gebiete eroberten und sich dort niederließen.

Unklar ist auch, wann und wie sich die Ursprache so aufgeteilt hat, dass sich Deutsch und die anderen indogermanischen Sprachen herausbilden konnten. Die Sprachwissenschaft geht aber davon aus, dass die Aufspaltung vor ungefähr 6.500 Jahren begann.

Heute zählen zwölf Gruppen zu der Sprachfamilie. Darunter sind die germanischen Sprachen, die neben Deutsch zum Beispiel auch Englisch, Holländisch und Isländisch einschließen. Französisch hingegen ist eine italische Sprache und bildet zusammen mit beispielsweise Spanisch und Italienisch die Gruppe der romanischen Sprachen.

Weltweit gibt es heute rund drei Milliarden Menschen, die eine Sprache sprechen, die auf die indogermanische Ursprache zurückgeht. Und etwa 450 Millionen Menschen davon verwenden eine germanische Sprache.

Die gemeinsamen Merkmale der germanischen Sprachen

Obwohl die germanischen Sprachen von der indogermanischen Ursprache abstammen und miteinander verwandt sind, haben sie nicht besonders viele Gemeinsamkeiten. Spanisch und Italienisch beispielsweise sind sich sehr viel ähnlicher als etwa Deutsch und Englisch.

Trotzdem gibt es wegen der gleichen Wurzeln Übereinstimmungen. So enthält der Wortschatz einige Wörter, die sich stark ähneln. Das deutsche Haus und das englische house oder das deutsche kann und das englische can sind Beispiele dafür.

Auch die Aussprache hat gemeinsame Merkmale, vor allem mit Blick auf die Betonung. Im Deutschen und in den anderen germanischen Sprachen wird in aller Regel die erste Silbe eines Wortes betont. Im Unterschied dazu betonen beispielsweise die Franzosen die letzte Silbe.

Eine weitere Besonderheit, die sich die germanischen Sprachen teilen, sind zwei Gruppen von Verben. In diesem Zusammenhang wird von starken und schwachen oder auch regelmäßigen und unregelmäßigen Verben gesprochen.

Je nachdem, zu welcher Kategorie ein Verb gehört, werden beim Konjugieren entweder nur Endungen angehängt oder zusätzlich die Stammvokale verändert.

Allerdings kannten die germanischen Sprachen zunächst nur zwei Zeitformen, nämlich das Präsens (Gegenwart) und das Präteritum (Vergangenheit). In anderen Sprachfamilien wurden von Anfang an weit mehr Zeitformen gebildet.

Dass die germanischen Sprachen heute ebenfalls verschiedene Zeiten nutzen, hat sich also erst im Laufe der Zeit so entwickelt.

Übrigens ist das ein Grund dafür, warum es im Deutschen mitunter ausreicht, temporale Adverbien einzusetzen, statt mit dem Verb die Zeitform zu bilden. Um zum Beispiel die Zukunft auszudrücken, kann das Verb im Präsens bleiben. Auf die Zeit weisen Wörter wie morgen, bald oder nächste Woche hin.

Es muss also nicht unbedingt grammatikalisch korrekt heißen „Die Wäsche werde ich später bügeln.“ Stattdessen  genügt „Die Wäsche bügele ich später.“

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Marlies Giesa, Geboren 1968 , über viele Jahre im In- und Ausland Deutsch unterrichtet. Ich liebe die deutsche Sprache und möchte das Wissen gerne an Schüler, Ausländer, Studenten und Interessierten weitergeben. Ich hoffe meine Übungen und Anleitungen werden ihnen helfen oder sie unterstützen. Canel Gülcan, Studentin Lehramt Deutsch & Germanistik, Christian Gülcan als Betreiber der Webseite, verfasst auch diverse Artikel, da er als Online-Redakteur täglich mit der Erstellung von hilfreichen Content arbeitet für verschiedene Zielgruppen und lange Zeit auch aktiv in der Flüchtlingshilfe, sich um die Vermittlung von Deutschkursen kümmerte.

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